Wenn Eltern sich trennen — was das für Kinder bedeutet
- Bianca Schilling
- 1. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Juli

Eine Trennung ist oft einer der größten Brüche in einem Familienleben. Für uns Erwachsene ist sie meist das Ergebnis langer Überlegungen, Streit, Zweifel und schlafloser Nächte. Für Kinder dagegen kommt sie oft wie ein Erdbeben: plötzlich, lautlos — und gleichzeitig so unüberhörbar.
Denn auch wenn Kinder schon lange spüren, dass etwas „nicht stimmt“, hoffen sie meistens, dass Mama und Papa doch wieder zueinanderfinden. Die Vorstellung, dass das sichere Familiennest zerbricht, ist für Kinder kaum auszuhalten.
Das Erleben der Kinder
Kinder verstehen eine Trennung nicht nur als „Mama und Papa lieben sich nicht mehr“. Für sie bedeutet es:
„Meine Welt ist nicht mehr sicher.“
„Vielleicht verliere ich einen Elternteil.“
„Habe ich etwas falsch gemacht?“
„Muss ich jetzt auch gehen?“
Oft übernehmen Kinder unbewusst Verantwortung. Sie suchen nach Gründen, warum sie „schuld“ sein könnten — ein Streit, ein schlechter Schultag, eine Trotzphase. Dieses kindliche Denken ist normal, aber gleichzeitig so schmerzhaft.
Je jünger die Kinder sind, desto schwerer können sie diese komplexen Gefühle in Worte fassen. Viele zeigen ihre Not durch körperliche Symptome (Bauchweh, Kopfschmerzen), Schlafprobleme oder plötzliche Verhaltensänderungen. Ältere Kinder können sich zurückziehen oder aggressiv werden, andere werden überangepasst und versuchen, besonders „lieb“ zu sein, um den Eltern keinen zusätzlichen Kummer zu bereiten.
Warum die Reaktionen so unterschiedlich sind
Jedes Kind reagiert anders — je nach Temperament, Alter, Bindungserfahrungen und der Art, wie die Eltern die Trennung gestalten. Für ein Kind ist die Trennung vielleicht ein tiefes Loch, in das es erst einmal fällt. Für ein anderes kann es sogar eine Art Erleichterung sein, wenn die ständigen Spannungen im Zuhause endlich aufhören.
Entscheidend ist: Wie gehen wir als Eltern mit dieser Veränderung um?
Was Kinder in dieser Zeit dringend brauchen
1. Stabile, verlässliche Beziehungen
Kinder müssen spüren: „Mama und Papa trennen sich als Paar — nicht von mir. “Die Bindung zu beiden Elternteilen sollte so gut wie möglich bestehen bleiben. Besuchszeiten, gemeinsame Absprachen, kleine Rituale können helfen, dass Kinder sich weiterhin sicher fühlen.
2. Ehrliche und klare Worte
Kinder merken, wenn etwas nicht stimmt. Halbe Wahrheiten oder Ausreden verwirren sie nur mehr. Die Erklärung sollte altersgerecht, aber ehrlich sein. Zum Beispiel: „Wir haben uns entschieden, nicht mehr zusammenzuleben. Aber wir beide lieben dich genauso wie vorher.“
3. Raum für alle Gefühle
Wut, Trauer, Angst, Verzweiflung, Hoffnung. Kinder brauchen Erlaubnis, alles zu fühlen. Sie brauchen Eltern, die zuhören, ohne sofort trösten oder „wegreden“ zu wollen. Manchmal reicht ein Satz wie: „Ich sehe, dass du traurig bist. Das darfst du sein.“
4. Zeit, sich an Neues zu gewöhnen
Ein Umzug, ein neues Zimmer, zwei unterschiedliche Haushalte — das alles braucht Zeit. Wir Erwachsenen möchten oft, dass alles „funktioniert“, doch Kinder leben in ihrem eigenen Tempo.
5. Keine Schuldzuweisungen
Negative Bemerkungen über den anderen Elternteil verletzen Kinder tief. Sie empfinden sich immer als Teil von beiden — wenn wir schlecht über den anderen sprechen, trifft das auch sie.
Praktische Tipps für Eltern
✅ Sprecht — wenn möglich — gemeinsam mit dem Kind über die Trennung. So spürt es, dass ihr als Eltern noch zusammen Verantwortung übernehmt.
✅ Erklärt die nächsten Schritte genau: „Du wirst abwechselnd bei Mama und Papa sein. Wir bringen dich und holen dich ab.“
✅ Schafft Übergangsrituale (z. B. ein Lieblingskuscheltier, das mitgeht, ein gemeinsames Abendritual am Telefon).
✅ Achtet auf klare und möglichst regelmäßige Besuchszeiten. Das gibt Sicherheit und Planbarkeit.
✅ Fragt regelmäßig nach: „Wie geht es dir mit der neuen Situation?“ Auch wenn Kinder nicht sofort antworten — sie merken, dass sie reden dürfen.
✅ Holt euch Unterstützung: Familienberatungsstellen, Schulsozialarbeiter:innen oder Therapeut:innen können helfen, wenn es sehr schwerfällt.
Der Blick in die Zukunft
Eine Trennung bedeutet Verlust. Aber sie kann — gut begleitet — auch der Anfang von etwas Neuem sein:
Einer Familie mit weniger Streit.
Einer Familie mit ehrlicheren Begegnungen.
Einer Familie, in der Kinder sehen, dass Veränderung dazugehört — auch wenn sie weh tut.
Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen Eltern, die ihnen zeigen: „Auch wenn wir nicht mehr zusammen sind, bist du immer unser größtes Geschenk.“
Mein persönlicher Gedanke
Als Mama, Patchwork-Mensch, Verfahrensbeiständin, Therapeutin und Begleiterin weiß ich: Kein Weg ist leicht. Kein Kind gleicht dem anderen. Und auch wir Eltern dürfen trauern, wütend sein, überfordert sein.
Aber: Wir dürfen gleichzeitig Halt geben. Wir dürfen mit unseren Kindern lernen, durch Stürme zu gehen und neue Wege zu finden.
Eine Trennung bedeutet nicht das Ende der Familie. Sie bedeutet nur, dass diese Familie einen neuen Weg sucht. Und den darf jeder in seinem eigenen Tempo mitgehen — gemeinsam, nebeneinander, aber immer verbunden.


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